Meine Gedanken...
zur Strafe
Strafen haben oft keinen Sinn und können sogar gefährlich sein. Wenn man seinen Hund bestrafen möchte, müsste das innerhalb eines extrem kurzen Zeitfensters von maximal 0,5 bis 1 Sekunde geschehen – quasi in dem Moment, in dem er das Verhalten gerade beginnt. Danach macht es einfach keinen Sinn mehr, denn das Verhalten wurde bereits durchgeführt und dein Hund verknüpft die Strafe unter Umständen gar nicht mehr mit der Ursache.
Wenn er z. B. endlich aus dem Wald gelaufen kommt, nachdem du 100-mal gerufen hast, wäre es ein Unding, ihn zu bestrafen. Er würde die Strafe mit dem Zurückkommen verknüpfen, nicht mit dem vorherigen Stromern im Wald oder dem Ignorieren deines Rufes. Zudem müsste eine Strafe theoretisch so hart sein, dass das Verhalten nie wieder gezeigt wird. Puh. Ich möchte mir nicht vorstellen, einen Hund so massiv einzuschüchtern.
Der Grat beim Strafen ist extrem schmal: Der Hund verliert das Vertrauen und kann in Angst oder Aggression verfallen. Will man das wirklich? Es besteht zudem die große Gefahr, dass der Hund eine falsche Verknüpfung erlernt. Wird er gestraft, weil er einen anderen Hund anbellt, verknüpft er den Schmerz oder Schreck oft direkt mit dem Anblick des Artgenossen. In Zukunft bedeutet ein fremder Hund für ihn: „Gefahr und Unbehagen“. So wird es wohl nichts mit der freundlichen Hundebegegnung.
Ein weiteres Risiko: Strafe unterdrückt oft nur das äußere Symptom, während die innere Not weiter ansteigt. Ein Hund, der aus Angst bellt und dafür gestraft wird, lernt vielleicht, leise zu sein – aber seine Angst im Inneren wächst. Das ist wie bei einem Schnellkochtopf ohne Ventil: Er funktioniert scheinbar, aber die emotionale Belastung brodelt im Verborgenen weiter, bis sie irgendwann unkontrolliert explodiert.
Dazu kommt, dass wir Menschen zwar oft wissen, was der Hund lassen soll – aber wissen wir auch, was er stattdessen tun soll? Und ganz ehrlich: Wenn wir es schon nicht wissen, wie soll dann der Hund richtig reagieren? Wäre es nicht sinnvoller, sich zuerst zu überlegen, welches Verhalten erwünscht ist? Hat der Hund überhaupt jemals vernünftig lernen dürfen, was wir von ihm erwarten?
Ein Beispiel, das man leider immer wieder sieht: Der Hund zieht an der Leine und der Mensch reagiert mit einem Leinenruck. Die Strafe soll Schmerz oder einen Schreck zufügen. Aber hat der Hund dadurch gelernt, wie er entspannt an lockerer Leine läuft? Vermutlich nicht, denn die „Leinenruck-Fraktion“ sieht man jeden Tag aufs Neue. Das ist ziemlich unfair, oder?
Lerntheoretisch bewegen wir uns hier im Bereich der positiven Strafe. „Positiv“ bedeutet hier nichts Gutes, sondern nur, dass etwas Unangenehmes hinzugefügt wird. Das kann Anschreien, Schubsen, Blocken oder Kneifen sein. Wichtig ist zu verstehen: Nicht wir entscheiden, was eine Strafe ist, sondern das Empfinden des Hundes. Für einen sensiblen Hund kann schon ein strenger Blick eine massive Strafe sein.
Es gibt auch die negative Strafe, bei der dem Hund etwas Angenehmes entzogen wird. Springt der Hund dich vor Freude an, drehst du dich weg und entziehst ihm kurzzeitig deine Aufmerksamkeit. Wichtig ist hier, das erwünschte Alternativverhalten (alle vier Pfoten auf dem Boden) sofort zu belohnen. So lernt der Hund: „Anspringen führt zu nichts, aber ruhig stehen lohnt sich!“
Ich finde es wichtig, der Ursache eines Verhaltens auf den Grund zu gehen. Nur so kann der Hund eine neue, faire Strategie lernen. Ziel ist es, dass er das unerwünschte Verhalten gar nicht mehr zeigen muss, weil er bessere Wege gelernt hat.
Mir macht es großen Spaß zu ergründen, warum ein Hund tut, was er tut. Wenn man an einer Stelle etwas positiv verändert, ändern sich oft andere Dinge fast wie von selbst. Daher ist für mich der belohnungsbasierte, bedürfnisgerechte und somit faire Weg der einzig richtige.
